10 verlorene Stämme Israels?

Es gibt ein Thema unter Christen, die Israel lieben und schätzen und den Plan Gottes für Sein Volk verstehen, das leider an manchen Stellen zu Uneinigkeit geführt hat. Dieses Thema ist für manche sogar so wichtig geworden, dass sie die Gemeinschaft mit anderen Christen verlassen, wenn diese nicht gleicher Meinung sind. Das ist traurig und sollte nicht so sein. Gemeint ist die Frage nach den "10 verlorenen Stämmen Israels". Ich hoffe, durch biblische Analyse dazu beitragen zu können, dass nicht nur unsere Sichtweise zu diesem Thema auf der Basis des Wortes Gottes beruht, sondern dass wir - gerade dadurch - auch mehr in Einheit miteinander kommen. Ich denke dabei an die Worte des Paulus: "Wir alle nun, die wir Vollkommene sind, wollen so gesinnt sein; und wenn ihr über etwas anders denkt, wird Gott Euch auch dies offenbaren." (Phil 3:15)

In unserem Bibelstudium ist es oft nicht nur erforderlich und gut, zu erkennen, was die Bibel sagt, sondern auch, unsere eigenen vorgefassten Meinungen bei Jesus abzulegen. Das ist für ein rechtes Bild der Tatsachen unbedingt notwendig und allgemein eine sehr gute Basis, auf der wir aufbauen können. Sonst wäre ganz allgemein, und speziell bei Themen, die in den Schriften nicht wirklich zentral und von entscheidender Bedeutung sind, die Gefahr da, dass wir überreagieren.

Ich möchte in diesem Artikel zeigen, dass es ein Mythos ist, von "10 verlorenen Stämmen Israels" zu sprechen.

Das Zeugnis der Schrift

Woher kommt also dieser Mythos? Spezifische Schriftstellen, wie 2 Kön 17:7-23 oder 2 Chr. 6:6-11 werden falsch gelesen. Im Detail:

Die Teilung des Landes durch Joshua

Nach der Einnahme des Landes durch Joshua wurde durch das Los bestimmt, welcher Stamm welchen Besitz bekommen sollte. Der Jordan war eine natürlich Grenze. Östlich waren der halbe Stamm Manasseh, Gad und Ruben - westlich waren Asher, Naphtali, Sebulun, Issachar, die andere Hälfte von Manasseh, Ephraim, Dan, Benjamin, Judah, Simeon (jeweils von Norden nach Süden).

Nach dem Tod Simsons konnte der Stamm Dan den Philistern nicht standhalten und zog gegen Laish im Norden des Landes. Dan verließ also seinen Erbbesitz und siedelte sich im Norden an. Der Ausdruck für ganz Israel "von Dan bis Beerscheva" legt darüber Zeugnis ab.

Die Leviten bekamen kein Grundbesitz, sondern Städte zugewiesen. Von insgesamt 48 Städten waren 6 die sogenannten "Asylstädte": Golan, Ramot und Bezer östlich des Jordans; Kedesh, Shechem und Hebron westlich. In diese Städte konnte ein Mensch bei Totschlag flüchten, um vor dem Bluträcher sicher zu sein. Bis zum Tod des Hohenpriester musste er dort bleiben, dann durfte er wieder in sein Gebiet zurückkehren.

Gebiet ist nicht gleich Stamm!

Nach dem Tod von König Salomo wurde das Königreich geteilt: Rehabeam regierte das Südreich, Jerobeam regierte ab dem Jahr 930 v. Chr. das Nordreich mit der Hauptstadt in Samaria (1 Kön 12). Er dachte, wenn ganz Israel nach Jerusalem geht, um dort Jahwe anzubeten, würden dann ihre Herzen zum Südreich gezogen werden. Weil er die politische Macht behalten wollte, führte er das ganze Nordreich zum Götzendienst (zwei goldene Kälber: eines in Bethel im südlichen Teil seines Reiches, eines in Dan im nördlichen Teil).

Hier ist es sehr wichtig, 2 Dinge auseinander zu halten. "Ephraim" und "Dan" sind geographische Regionen. Aber nicht alle Menschen, die in diesen Gebieten lebten, waren auch von diesem Stamm!

Als Beispiel das Gebiet von Judah. Dort lebten - wie wir gleich im Detail sehen werden - auch Menschen, die nicht aus dem Stamm Judah waren. Als Vergleich: auch bei uns haben wir den Ausdruck: "Er ist ein Salzburger." Damit könnten wir meinen, dass er zur Zeit in Salzburg wohnt - oder aber - dass er ursprünglich aus Salzburg stammt. Das sind 2 unterschiedliche Dinge, die wir auseinander halten müssen.

Die Leviten, die zu jener Zeit nicht "politisch korrekt" sein wollten, zogen vom Nordreich ins Südreich (2 Chr 11:14-17). Viele andere aus dem Nordreich, die Jahwe, dem Gott Israels treu bleiben wollten, zogen auch in den Süden. Daher kam es, dass es schon längere Zeit vor der assyrischen Gefangenschaft viele Stämme aus dem Nordreich gab, die sich mit dem Haus Davids identifizierten: 1 Kön 12:16-20; 2 Chr 11:16-17.

Viele lehnten das Nordreich ab und vereinigten sich durch eine Allianz mit dem Haus Davids, um den Herrn anzubeten: 2 Chr 19:4, 30:1, 30:10-11, 30:25-26, 34:5-7, 34:22, 35:17-18. Mit tiefer Abscheu vor dem Götzendienst von Jerobeam in Bethel und Dan zogen viele in den Süden, weil sie wußten, dass der einzige Ort, der für die Anbetung Gottes akzeptabel war, der Tempel am Berg Moriah in Jerusalem war (Deut 12:5-7, 16:2-6; Jes 18:7). Diese "Stammes-Wanderungen" von Norden nach Süden waren also teilweise politisch, teilweise religiös motiviert. (Es ist möglich, dass analog diejenigen aus dem Südreich, die den Götzendienst bevorzugten, nach Norden zogen.)

Einige Zeit später, zur Zeit des Königs Asa, zogen wiederum viele Menschen von Norden nach Süden (2 Chr 15:9). Durch diese vielen Vermischungen der Stämme gab es zwar immer noch eine Region "Judah", aber die Einwohner waren nicht alle aus dem Stamm Judah. Analog mit anderen Stämmen/Gebieten.

Im Südreich gab es immer eine Abstammungslinie von Könid David. Im Nordreich gab es ganz verschiedene Linien. Gott sandte den Propheten Hosea aus dem Südreich nach Norden. Seine Botschaft: "Ihr habt euren Erbbesitz verlassen! Deshalb kommt Gottes gerechtes Gericht." Er proklamiert, dass Gott sie durch ihre Feinde auslöschen wird.

Viele Jahre später, nach der assyrischen Gefangennahme, sprach König Hesekiah in Judah eine große Einladung an ganz Israel aus, dass alle nach Jerusalem kommen und das Pessach-Fest feiern sollten (2 Chr 30:5-21).

Wieder 80 Jahre später spricht aus König Josiah eine Einladung aus; es wurde Geld für den Tempel gebracht, "welches die Leviten, die an der Schwelle hüteten, von Manasseh, Ephraim und von allen Übriggebliebenen in Israel und von ganz Judah und Benjamin und von den Einwohnern Jerusalems gesammelt hatten." (2 Chr 34:9)

Nach einigen Jahrhunderten waren im südlichen Königreich alle 12 Stämme vertreten.

Gott spricht zu den 12 Stämmen im Süden: "Sage zu Rehabeam, dem Sohn Salomos, dem König von Judah, und zu ganz Israel, das unter Judah und Benjamin ist" (2 Chr 11:3) Also war "ganz Israel" in der Region von Judah und Benjamin vertreten!

Jude = vom Stamm Judah?

Der "Stamm Judah" wird manchmal als Ausdruck für das südliche Königreich verwendet: 2 Kön 17:18 und andere; cf. 1 Kön 11:13. 1 Kön 11:32. Wenn wir bei diesem Punkt genau und exakt sind, lösen sich viele Schwierigkeiten auf.

Im Jahr 722 v. Chr. fällt das Nordreich schließlich (2 Kön 18:2). Nur etwa 5% der Bevölkerung musste ausziehen. Der Rest wurde mit den anderen (von den Assyrern gefangenen) Völkern vermischt. Das Ergebnis: politisch war das Nordreich nicht mehr existent. Genetisch gab es natürlich noch Menschen von der Abstammungslinie der 12 Stämme. Die israelischen Gefangenen wurden mit Persern und anderen vermischt und in Samaria wieder angesiedelt. Deshalb sprechen manche Menschen von einem "Halb-Juden". Denn die Nachkommen dieser Völker-Vermischung sind die "Samariter" (siehe Joh 4:4-7).

Gott gab dem Nordreich keine Verheißung, dass sie als Königreich wieder erstehen würden. Anders im Süden: hier gab Gott wegen König David eine Verheißung, dass sie aus der Gefangenschaft zurückkommen würden. Jesaja prophezeiht zu Judah und spricht: "Höre dieses, du Haus Jakobs, die ihr mit dem Namen Israel benannt werdet und aus den Wassern Judas entsprungen seid" (Jes 48:1; siehe Verse 12-15)

Sogar schon vor dem Tod von Rehabeam sah der Herr alle als Einheit: "ganz Israel in Judah und Benjamin" (2 Chr 11:3)

Nach der babylonischen Gefangenschaft, werden die Ausdrücke "Jude" und "Israelit" synonym verwendet:

Jude = Israel = Israelit = Haus Jakobs

Im Neuen Testament

Wir sehen also, dass keine 10 Stämme Israels verloren gingen. Gott ist treu und hat sein Volk in allen 12 Stämmen bewahrt.